Auf der Kartbahn oder beim BMW M Trackday fährt Ihnen der Konkurrent scheinbar mühelos davon? Das liegt selten an den Fahrzeugen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Ihr Kontrahent die Ideallinie besser trifft. Gerade im professionellen Rennsport entscheidet die Ideallinie über Sieg und Niederlage. Die Fahrer und Teams analysieren daher für jede Rennstrecke intensiv die optimale Linienwahl, um möglichst schnell ins Ziel zu kommen. So hat Rennfahrerlegende Michael Schumacher Strecken mit dem Fahrrad abgefahren, während Sebastian Vettel oder Max Verstappen sich durch „Track Walks“ mit den Rennstrecken vertraut machen. An dieser Stelle gibt nun Claudia Hürtgen, eine der besten deutschen Rennfahrerinnen und langjährige AREA M Chefinstruktorin, 12 konkrete Tipps, um den Weg zur Ideallinie zu finden.
Die Ideallinie ist nicht die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, sondern die schnellste.
DIE IDEALLINIE: EINE EWIGE CHALLENGE.

DIE IDEALLINIE: EINE EWIGE CHALLENGE.
Laut Claudia Hürtgen ist der Weg zur Ideallinie eine Suche, die nie endet – und sie sollte es wissen. Claudia Hürtgen holte im Laufe ihrer Karriere zahlreiche Siege für BMW, darunter bei der Deutschen Tourenwagen Challenge und der Deutsche Langstrecken-Meisterschaft auf der Nordschleife des Nürburgrings sowie bei den 24 Stunden von Dubai und Daytona. Seit 2012 ist sie Chefinstruktorin der AREA M.
Zur Perfektionierung der Ideallinie erklärt sie: „Man muss ständig nachjustieren und die Ideallinie neu an die Gegebenheiten anpassen.“ Demnach beeinflussen eine Reihe von Faktoren die Ideallinie: Fahrstil (aggressiv oder defensiv), Fahrbahnbedingungen (zum Beispiel griffiger vs. rutschiger Asphalt) und Beschaffenheit der Fahrbahn (etwa ob trocken oder nass).

Nutzen Sie die ganze Breite der Fahrbahn. Dafür ist sie da.

Der Blick steuert das Fahrzeug. Visieren Sie Ihre Wunschlinie an. Dann folgt das Fahrzeug quasi von selbst Ihrem Blick.
Tasten Sie sich geduldig über den Wohlfühlfaktor an die Ideallinie und die passende Geschwindigkeit heran. Steigern Sie das Tempo jedoch nur, wenn Sie sich dabei sicher fühlen.
1 Bremspunkt: Ab hier verringern Sie die Geschwindigkeit bis zum Erreichen des Einlenkpunkts.
2 Einlenkpunkt: Hier lösen Sie die Bremse, lenken ein und visieren den Scheitelpunkt an.
3 Scheitelpunkt: Hier öffnen Sie die Lenkung wieder.
4 Auslenkpunkt: Hier stellen Sie das Lenkrad gerade und gehen wieder aufs Gas.

Prägen Sie sich den Streckenverlauf in Ruhe ein. Entscheidend sind die Orientierungs- und Bremspunkte. Ermitteln Sie für jede Kurve Bremspunkt, Einlenkpunkt, Scheitelpunkt und Auslenkpunkt.

Allgemein gilt: Fahren Sie eine Kurve von außen an. Der Scheitelpunkt ist der Orientierungspunkt an der Innenseite der Kurve. Wenn Sie diesen passiert haben, sollten sich Ihre Augen nach außen zum Kurvenausgang orientieren. Lassen Sie sich nach außen tragen, öffnen Sie die Lenkung und beschleunigen Sie am Kurvenausgang wieder.

Jede noch so kleine Lenkkorrektur bringt Unruhe ins Fahrzeug und kostet Zeit.

Spielen Sie nicht mit dem Gaspedal, das bringt nur unnötige Lastwechsel ins Fahrzeug. Warten Sie auf den richtigen Moment, in dem Sie aus der Kurve herausbeschleunigen können. Zumeist können Sie mit Öffnen der Lenkung wieder Gas geben.






Jede Kurve hat ihre individuelle Ideallinie. Arbeiten Sie diese heraus. Im nächsten Schritt setzen Sie diese einzelnen Fahrlinien in Abhängigkeit voneinander zur Gesamtstrecke zusammen. Denn: Die Ideallinie einer Kurve hängt auch vom vorangehenden und folgenden Streckenabschnitt ab.

Der kürzeste Weg ist nicht immer der schnellste. Einen weiteren Bogen zu fahren, kann unter Umständen schneller ans Ziel führen, wenn Sie Ihr Fahrzeug dadurch besser in Position für den darauffolgenden Abschnitt bringen. Das ist insbesondere wichtig, wenn auf eine Kurve eine weitere folgt. Man spricht hier von einer Kurvenkombination.
Ziel ist es, mit maximaler Geschwindigkeit aus der zweiten Kurve zu kommen. Denken Sie eine Kurvenkombination also rückwärts: Wie müssen Sie fahren, damit Sie in der zweiten Kurve wieder möglichst früh aufs Gas können?
1 Sie steuern Kurve A auf der Ideallinie an, der Scheitelpunkt bleibt gleich.
2 Beim Verlassen von Kurve A lassen Sie sich nicht bis an den äußeren Streckenrand heraustragen, sondern halten sich mittig.
3 So können Sie Ihr Fahrzeug besser positionieren für die Fahrt durch Kurve B.
Fazit: Die Ideallinie in Kurve A wird geopfert, um perfekt durch Kurve B zu fahren und diese mit möglichst hoher Geschwindigkeit zu verlassen.

Beachten Sie Bodenwellen, Curbs und die Beschaffenheit des Asphalts bei der Wahl Ihrer Ideallinie und Kurvengeschwindigkeit.

Wählen Sie bei Regen weitere Bögen. Denn die meisten Kurven sind nach innen geneigt. Dadurch sammelt sich im Kurveninneren das Wasser. Außerdem liegt dort mehr Gummiabrieb. Beides macht die Fahrbahn rutschig.
Es kann sinnvoll sein, von der Ideallinie abzuweichen. Zum Beispiel, wenn man mit einer offensiveren Linie Zeit gutmachen möchte.
1 Setzen Sie für diese Linie den Bremspunkt später an.
2 Lenken Sie dementsprechend später und vor allem stärker ein.
3 Auf dieser Linie können Sie Ihr Auto in einen sich früher öffnenden Kurvenradius steuern und schneller wieder aufs Gas gehen.

Mit diesem Wissen heißt es jetzt: üben, üben, üben – Runde für Runde. Immer auf der Suche nach der perfekten Ideallinie.



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